Mary Shelley, die Burg und das Monster*

Wie kamen Mary Shelley und Johann Konrad Dippel von Frankenstein zusammen? Eine unglaublich spannende Geschichte:

Als die berühmten deutschen Begründer der Philologie, Jacob und Wilhelm Grimm, im Beerbacher Tal am Fuße der Burg Frankenstein Märchen sammelten, kam ihnen eine Schauergeschichte zu Ohren, die sich um den Alchimisten, Theologen und Arzt Johann Konrad Dippel von Frankenstein rankt. Der Pfarrer von Nieder-Beerbach hatte dem Leichenräuber und Grabschänder, der in seinem Labor im Burggefängnis Gold für die Landgrafen von Hessen machen sollte, diese Geschichte angedichtet.

Danach hatte der Alchimist aus Leichenteilen und dem Blut von Jungfrauen sowie “geheimen Künsten” einen “neuen Menschen” erschaffen wollen. Dieser Unhold öffnete an einem trüben nebligen Novembernachmittag seine tückischen gelben Augen, streckte seinen Erschaffer mit einem Schlag nieder und floh in die Wälder. Dort sitzt der einsame Unhold noch heute, versucht Kinder oder (vorzugsweise) Jungfrauen zu erwischen, mit denen er spielt und sie irgendwann auf Nimmerwiedersehen verschwinden lässt.

In einem Brief schrieb Jacob Grimm 1813 diese Schauergeschichte an die Übersetzerin der Märchen ins Englische, an Mary Jane Clairmont: die Stiefmutter der späteren Mary Shelley! Als diese 1814 zusammen mit ihrer Stiefschwester Claire und ihrem späteren Ehemann Percy Bysshe Shelley auf dem Rhein reiste, besuchte sie auch den Frankenstein. Zwei Jahre später schrieb sie am Genfer See einen der faszinierendsten und aufregendsten Romane der englischen Literatur: “Frankenstein, der neue Prometheus”.

Der Sommer von 1816 ist in die Literaturgeschichte als “Genfer Sommer” eingegangen, der erwiesenermaßen brillanteste und produktivste der englischen Literatur nach Shakespeare. Am Genfer See, in Byrons Villa, saßen in der stürmischen Nacht des 16. Juni 1816 fünf Menschen zusammen und lasen sich Geistergeschichten vor: Percy Shelley, seine Geliebte Mary, deren Stiefschwester Claire Clairmont sowie der Gastgeber Lord Byron und dessen Arzt John William Polidori.

Eine Legende, die jedes englische Schulkind kennt, besagt, Byron habe am Ende dieser Lesung und einer folgenden spiritistischen Sitzung gesagt: “So, jetzt wird jeder von uns eine Geistergeschichte schreiben!” So wie es aussieht, haben Percy Shelley, Polidori und Claire Clairmont sehr schnell das Interesse an diesem Wettbewerb verloren. Byron schrieb ein Fragment: “Der Vampir”. Dies brachte er später auch in sein Poem “Mazeppa” ein.

Die junge Mary Shelley

Mary Shelley dagegen schrieb eine der aufregendsten Geschichten aller Zeiten — und den ersten echten Science-Fiction-Roman: Frankenstein oder der Neue Prometheus. Drei Männer, drei Wissenschaftler, haben für Mary Shelleys Monstererschaffer Pate gestanden. Der Großvater des berühmten Charles Darwin, Erasmus Darwin, war einer davon. Erasmus Darwin lehrte damals als Anatom an der in jener Zeit sehr berühmten Universität von Ingolstadt. An der studierte, laut Marys Roman, Victor von Frankenstein. Man experimentierte dort zu Erasmus Darwins Zeit mit der Elektrizität sowie mit Leichen und Leichenteilen. Erasmus Darwin machte die Ingolstädter Versuche in England populär. Der unselige Victor von Frankenstein in Mary Shelleys Roman verbindet beides miteinander: Ingolstadt und die Experimente. Und folgender zweiter prominente Wissenschaftler dürfte Mary ebenfalls als Vorlage für ihren gottlosen Forscher gedient haben: Benjamin Franklin (1706 – 1790) mit seinen Versuchen zur Elektrizität. Diese Experimente waren in Marys Elternhaus besonders populär, interessierte sich doch ihr Vater, Charles Godwin, brennend für dieses Thema. Fast genauso stark wie für die Beschwörung von Leichen, die er zwingen wollte, ihm verborgene Geheimnisse zu eröffnen. Beide Interessen teilte auch Percy Bysshe Shelley.

Der dritte Mann im Forscherterzett ist für Burg Frankenstein als das “True Home of the Monster” der interessanteste. Sein Experiment, aus Leichenteilen einen neuen Menschen zu schaffen, hat Marys Roman angestoßen. Sie hat die Schauergeschichte, die sie aus dem Briefwechsel Jacob Grimms mit ihrer Stiefmutter kannte, zu einem Roman um einen vermessenen Wissenschaftler verarbeitet. Der Gott gleich sein will und ohne moralische Instanz über sich, seinen wissenschaftlichen Arbeiten nachgehen will – was auch immer daraus werden mag.

*aus W. Scheele, "Burg Frankenstein Mythos, Wahrheit, Legende", Societätsverlag Frankfurt, ISBN 3-7973-0786-1


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